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Regine Ziegler, geboren 1864 in Schäßburg, gestorben 1925, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Arkeden, wo ihr Vater, Johann Ziegler, von 1878 bis 1919 Pfarrer war. Sie schrieb Lyrik und Prosa. So wie in dieser Erzählung verarbeitete sie in ihrem dichterischen Werk gerne Kindheitseindrücke und -erfahrungen. Auf diese Weise sind auch einige Arkeder Bräuche festgehalten worden. Unveränderte Abschrift aus: Die Karpathen, 2. Jg. (1908), Nr. 6, S. 164 - 167

Regine Ziegler, geboren 1864 in Schäßburg, gestorben 1925, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Arkeden, wo ihr Vater, Johann Ziegler, von 1878 bis 1919 Pfarrer war. Sie schrieb Lyrik und Prosa. So wie in dieser Erzählung verarbeitete sie in ihrem dichterischen Werk gerne Kindheitseindrücke und -erfahrungen. Auf diese Weise sind auch einige Arkeder Bräuche festgehalten worden.

"In einem Dorfe des sogenannten “Haferlandes” herrschen heute noch eigenartig schöne Weihnachtsbräuche, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererben. Alte Fäden, die in die neue Zeit hinübergreifen und nicht zerreißen, so sehr die Gegenwart und ihre oft zersetzenden Mächte auch daran zerren. An einem Morgen der letzten Dezemberwoche halten vor der Schule auf dem Marktplatze 20 – 30 der größten Schulknaben auf ungeduldig tanzenden Pferden zum Ritt nach dem Walde, aus welchem sie das für die Weihnachtskronen in der Kirche bestimmte Wintergrün holen wollen.

Endlich sind sie alle versammelt, ein Zeichen des Vorreiters und heissah, gehts die Gasse hinauf wie die wilde Jagd in den weißschimmernden Wintertag hinein dem Walde entgegen, der hinter den letzten Wiesen hinterm Dorfe beginnt. Ein echter siebenbürgischer Wintertag, wie er Weihnachten vorangeht. Jeder Pfahl, jeder Baum hat seine weiche Schneekappe, in schöngeschwungenen Wellenlinien liegt das Feld mit seinen Höhen und Niederungen und die alten Eichen und Buchen des Kirchenwaldes stehen da wie Riesengestalten mit schneeweißen Bärten und Haaren und sehen verträumt der heranstürmenden Knabenschar entgegen. Die aber ist am Ziel, hier in feuchtem Waldgrunde gibts Wintergrün genug. Sie springen von dem Pferde, jeder bindet das seine an einen Stamm und nun wird mit steifgefrorenen Fingern das Grün aus der Schneedecke gescharrt, abgepflückt und an den schwarzen Lammfellmützen als Strauß befestigt.

Da jagen sie schon den Berg hinab, über die Heide dem Dorfe entgegen.

Wie leuchten die jungen Augen, wie brennen die Wangen von der Winterluft und wie prächtig hebt sich das ganze bewegte Bild von der weißen Schneedecke unter der blauen Himmelsglocke ab.

Mit fliegenden Mähnen und zitternden Nüstern halten die Pferde mit ihren Reitern endlich vor dem Pfarrhause und aus allen Knabenkehlen schallt ein helles schmetterndes dreimaliges “Vivat, der Herr Vater soll lang leben! Vivat, die Frau Mutter soll lang leben!” Vor dem Predigerhause dieselbe Huldigung und jetzt erst wird vor dem Schulgebäude halt gemacht.

Dort stehen die Schulmädchen bereit, nehmen das von den jungen Reitern ihnen herabgereichte Grün in Empfang und tragen es in die Schule, während die Reiterschar nach allen Seiten auseinanderstiebt, jeder dem heimischen Tore zu.

In der Schule schmücken die Mädchen nun die aus biegsamen Holzreifen zusammengestellten vier Kronen mit dem Grün, sowie mit bunten Papiersternen und gelben Wachskerzen, wie es schon ihre Urgroßmutter getan, bestimmt, in der Frühkirche des ersten Weihnachtstages der ganzen Gemeinde zu leuchten.

Es ist ein religiöses Bild, diese Mädchenschar in ihren blütenweißen Röcken, gestickten Hemden und Schürzen, in den bunten Samtleibchen, um die Köpfe ein purpurrotes oder geblümtes flatterndes Band, wie sie die duftende Arbeit des Kronenschmuckes vollführt, lachend, scherzend, über den firschen runden Gesichtern Gesundheit und Jugendlust ausgegossen.

Nun sind die vier Kronen fertig geputzt, steif und festlich stehen sie auf den Tischen vor den Mädchen, die sich nicht satt sehen können an all der Pracht.

Im Schulkeller harren sie dann des Weihnachtsmorgens, der sie zum Glanze erwecken wird.

Weihnachtsabend!

In jedem Hause duftet es nach Festtagskuchen und Hanklich, alle Arbeit ist getan, die Dämmerung naht.

In diesem und wohl auch manch anderem Sachsendorfe hat die alte Bauerneinfachheit noch nicht den Mut und das Bedürfnis gehabt, den lichtumwobenen Weihnachtsbaum in den Boden des arbeitsharten Lebens zu verpflanzen.

So ist der Weihnachtsbaum auf dem Pfarrhofe der einzige, der für sie brennt.

Um ihn schart sich alljährlich die Schuljugend. Die Erinnerung an diese Stunde aber leuchtet in jedes Einzelleben hinein bis in das späteste Alter, neubelebt durch die Freude der Kinder und Enkelschar, die dasselbe Lichtwunder in sich aufnimmt im Pfarrhause, wenn auch Formen und Menschen wechseln.

Sobald der letzte Ton der Abendglocke in der unbewegten Winterluft verhallt ist, kommt es aus allen Toren geschlüpft, Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, Mütter mit den Kleinsten, die von Rechtswegen gar nicht hingehören, auf dem Arme. Alle haben sie ein Ziel: das hinter verschneiten Bäumen und Rasenplätzen mit erhellten Fenstern auftauchende Pfarrhaus.

In der großen Vorhalle stehen sie dichtgedrängt und alle Augenpaare hängen an der weißen Flügeltüre, die zur “Weihnachtsstube” führt, wo sie den Baum vermuten.

Das ist ein Stoßen und Kneifen, ein Summen und Flüstern in dem kribelnden Menschenhäufchen, wo jedes der Tür am nächsten sein möchte, wenn sie sich für das Völkchen öffnet.

Welches Entzücken fliegt über die Gesichter hin, wenn die Frau Pfarrerin plötzlich heraustritt und ein schmaler Lichtstrahl durch die Türspalte erhascht werden kann!

Endlich ertönt die Glocke drinnen, die breite Flügeltüre öffent sich wie von Zauberhand berührt - der junge Menschenstrom ergießt sich in breiter unaufhaltsamer Welle hinein.

Mitten in dem großen Zimmer steht auf dem Fußboden der Weihnachtsbaum, mit der Spitze und dem darauf flatternden Goldengel fast die Decke streifend. Ein atemloses Starren mit weitaufgerissenen Augen, ein seliges Stammeln von Kinderlippen, während die ganze Schar den Baum im Kreise einschließt, fest, dicht aneinandergereiht wie Glieder einer Kette.

Nur langsam vermögen die geblendeten Augen der schlichten Dorfkinder die Einzelheiten dieses flimmernden Weihnachtswunders in sich aufzunehmen, hier einen glänzenden Silberstern, dort ein schneeweißes Zuckerlämmchen oder den lustig schaukelnden braunen Kuchenhampelmann und die lachende, winzige Pupppe mit den echten blonden Locken auf dem Köpfchen, allzu verwirrend und überwältigend wirkt das Gesamtbild auf ihre Sinne und Gemüter.

So kommt ea auch, dass sie die mit so viel Mühe einstudierten Sprüche und Gebete nur mit halbem Bewußtsein, die Augen fortwährend selbstvergessen nach oben gerichtet, vor dem Herrn Pfarrer hersagen und sich wenig daraus machen, wenns einen oder gar mehrere Fehler gibt - ihr Empfinden ist gebunden, sodaß für die Ehre solchen Aufsagens kaum was übrig bleibt. Endlich muß aber doch ans Abschiednehmen gedacht werden, die Kerzen brennen ab und das Pfarrhaus will auch zu seiner Bescherung gelangen.

Zu beiden Seiten der Ausgangstüre stellen sich die Pfarrerstöchter auf, eine rechts, die andere links. Die lebendige Mauer, die der Baum umschloß, beginnt sich zu lockern, eines nach dem anderen schreitet zur Türe, nimmt von rechts und links aus den Händen der Pfarrerstöchter Kuchen und Nüsse in Empfang, drückt und preßt die Gaben inbrünstig an die Brust und verschwindet im Dunkel des Korridors.

Allmählich leert sich das Zimmer, die Pfarrersfamilie kann an die eigene Bescherung denken.

Aber - welche Überraschung! Ein Kranz braunschwarzer Wassertümpelchen schlingt sich um den Baum. Der in den derben Bauernstiefeln angesammelte Schnee ist in der Zimmerwärme zum Schmelze gelangt und schmückt nun in dieser Form den blankgescheuerten weihnachtlichen Fußboden der Frau Pfarrerin.

Mit dem Schlag zehn beginnt das Glockenläuten vom Turme, das eine Stunde dauert.

Bald darauf tauchen aus dem Dunkel der Nacht lose Männergestalten auf mit blitzenden Trompeten, Klarinetten und Posaunen in den Händen, denen mehrere Fackeln tragende Knaben voranschreiten.

Im Pfarrhofe, unter der seitlichen Fensterfront machen sie Halt und stellen sich auf, um dem Pfarrer das Weihnachtsständchen darzubringen.

Wie die Gestalten mit den braunroten Gesichtern über der Schneedecke emporwachsen und das Dunkel beleben, wie aus dem schwarzroten Fackelschein die funkelnden Instrumente aufleuchten, die hellen, erwartungsfrohen Kinderaugen aufblitzen, wenn die ersten Klänge des schönen Liedes: "Stille Nacht, heilige Nacht" die unbewegte Luft durchzittern und zuletzt zu tiefen, die ganze Gasse durchbrausenden Akkorden werden. Das ist ein Eindruck, wie er sich unverlierbar in die Seele schreibt. Eine Weihe, eine in ihrer Schlichtheit und Einfachheit unüberwindbare Größe liegt über dieser Stunde, in der Inneres und Äußeres, Form und Inhalt so eins geworden sind, daß sogar jene unvermeidlichen Dissonanzen, die die Harmonie des Ganzen durchzucken, schwer vermißt wurden, wenn sie einmal fehlten. Denn sie gehören zur echten Bauernmusik, dem großen Wollen und schwächeren Können der Ausübenden, die solche Kunst der Arbeitszeit abringen müssen - sie ziehen die charakteristischen Linien und Umrissse des ganzen Bildes.

Der Weihnachtsmorgen naht.

Grauweiße Nebel hängen am Himmel, das Frührot hat kaum den ersten Hauch darüber gestrichen und schon ist hinter allen Fenstern Lichtschein aufgetaucht - man rüstet zur Frühkirche. Vermummte Gestalten gleiten aus allen Toren, Kinder, Erwachsene, hohe Männergestalten, gebückte Greise - alles strebt dem steinernen Portale und dem dahinter liegenden Gotteshause zu.

Mit dem letzten Glockenklang ist jeder Platz in der Kirche besetzt. Der Gemeindegesang leitet die Feier ein, seine Schallwellen erfüllen das Gotteshaus bis in den letzten Winkel.

Beim Beginne des letzten Verses bewegen sich die vier Knabenpaare mit den, von brennenden Wachslichtern beleuchteten Kronen von der Orgel, wo sie bis dahin gestanden, herab, schreiten die Kirche entlang, dem Altar zu, wo sie auf den beiden letzten Stufen je zwei zu zwei Aufstellung nehmen. Die Vorderstufen füllen sich mit den anderen Knaben und sämtlichen Schulmädchen bis tief hinein zum Gestühl der Presbyter und der Burschenschaft in der ehemaligen Sakristei.

Und nun singt die Kinderschar unter Führung des Lehrers das uralte lateinische Lied: "Quem pastores laudavere, (Denn die Hirten lobten sehr etc."), hell, schmetternd, mit breitwogender Brust, daß es ist, als führen sieghafte Fanfarentöne über die lauschende Gemeinde hin und wieder ernst, mystisch, voll des heiligen Weihnachtstaumels, gleich einer in Klang umgewandelten alten Legende, die mit zartem und doch unabweisbarem Finger an alle Herzenstore klopft, selbst die allerverschlossensten. Das ist ein Flimmern in solcher Frühkirche, ein Glanz, ein Farbenzauber, wenn durch die schmalen Bogenfenster das Morgenlicht hereinzuleuchten beginnt, sich mit dem Kerzenglanz und seinem mattroten Flackerschein mischt, die erregten Kinderköpfe streift, über das schwarze Samtgestühl des Pfarrers zittert und erst stille hält, wenn es jede Altersfalte, jede Arbeitsfurche in den Bauerngesichtern gestreichelt, all die dunkeln Frauenmäntel, blauweißen Kopftücher, mattgelben Männerpelze bis hinauf zu den alten Nachbarschaftsfahnen und dem darunter sitzenden Organisten mit seinem Schimmer übersponnen hat - dann ist es Tag geworden!
Langsam lösen sich die Frauen- und Kindergestalten aus dem lichterfüllten Raume und verschwinden durch die Türe in den Wintermorgen wie ein Märchenbild, dessen Zauber noch auf allen Gemütern liegt, wenn es längst in Duft zerfloß. Auf der Welle von Luft und Wärme, die jenes Frauen- und Kinderbild zurückließ, erhebt sich zum Schluß des Pfarrers Weihnachtsgebet, das in jedem Herzen seinen Erlöser erweckt, den es ersehnt das ganze harte Arbeitsjahr hindurch, den es aus dem Glanz und den Andachtsschauern dieser Stunde in sich erlebt, dem es sich hingibt in seliger Demut.

Unveränderte Abschrift aus: Die Karpathen, 2. Jg. (1908), Nr. 6, S. 164 - 167

 

Gekürzter Auszug aus: Binder, Georg: Arkeden, München 1995, S. 341 – 346 Nachdruck mit freundlicher Genehmigung seiner Witwe Katharina Binder.

Kirchenjahr

Das Kirchenjahr beginnt mit dem 1. Adventsonntag und endet mit dem evangelischen „Ewigkeitssonntag“; d.h. mit dem Sonntag vor dem 1. Advent. Unter Kirchenjahr versteht man die geordnete Reihe der jährlich wiederkehrenden christlichen Feste und Sonntage.
Die evangelischen Kirchen gliedern das Kirchenjahr in drei auf Leben und Wirken Jesu bezogene Festkreise: 1) den Weihnachtsfestkreis mit insgesamt 7 – 12 Sonntagen, 2) den Osterfestkreis mit 7 – 12 Sonntagen und 3) den Pfingstfestkreis mit 25 – 30 Sonntagen (...).

Hinweis:
Meinen Schilderungen der Bräuche im Jahreszyklus lege ich das Kirchenjahr zugrunde. Im Folgenden wende ich meine Aufmerksamkeit den Bräuchen in Arkeden zu. Ich strebe keine Vollständigkeit an, weil meine Informationen und Erinnerungen lückenhaft sind und mir schriftliche Überlieferungen fehlen; im Gegenteil, ich greife einige markante Bräuche aus dem Jahreszyklus heraus und beschränke mich im Wesentlichen auf die Bräuche zwischen den Weltkriegen.

Advent

(…) In Arkeden wurde Advent (vor 1947) in der Schule im „großen“ Klassenraum gefeiert. Die Tannenzweige für den Adventkranz besorgten die Schulbuben. In meiner Kindheit war es so: Wir, die Schulbuben, gingen in den Tannenwald. Der Letzner Misch, H-Nr. 288, mit der kleinen Handaxt (Etchesken) am Hosenriemen, kraxelte auf eine der hohen Tannen und fällte Tannenzweige, die wir mit Übermut und großem Getue in die Schule brachten. Hier banden die Mädchen, unter Aufsicht und mit Anleitung der Lehrerin das Tannengrün auf einen Holzreifen, befestigten die 4 Kerzen und der fertige Adventkranz wurde an die Decke des großen Klassenzimmers gehängt.

An jedem Adventsonntag versammelten wir Schulkinder uns unter dem „brennenden“ Adventkranz, sangen Weihnachtslieder und hörten uns Weihnachtsmärchen an. (…)

Nikolaus

(…) In Arkeden war dieser Vorname nicht üblich. Trotzdem: es war Brauch, dass die Kinder die Stiefel (Schuhe) vor die Tür stellten und vom Nikolaus beschenkt wurden. In den Stiefeln oder Schuhen fanden sie am Morgen: Äpfel, Nüsse, Bonbons, Teegebäck, und – wenn auch seltener – eine Rute.

Weihnachten
(…)

Wintergrünholen und Leuchterbinden

Das Wintergrünholen in Arkeden war für die Buben der 5., 6. und 7. Schulklasse ein großes, langersehntes und sehr wichtiges Ereignis. Schon das „Mitreitendürfen“ - für sich alleine genommen – war etwas Außergewöhnliches, etwas Großartiges. Der Reitstock aus Hartriegel mit „Riemchen“ am Handgriff war längst fertig. An einem schönen Wintertag vor Weihnachten war es dann soweit. Das Reitpferd wurde gewaschen, gestriegelt und gebürstet, der Schweif aufgesteckt und die Mähne in kleine Zöpfchen geflochten. Auf den Sattel bzw. auf die „Britsch“ setzte sich der stolze Bub. Seine „Reiteruniform“ bestand meistens aus einem sogenannten „grauen Anzug“, einer Pelzkappe, „gewixten“ Lederstiefeln, „Butschen“ (Überschuhe aus gewebtem grauen Stoff) und dicken Fäustlingen. Die Reitergruppe der Schulbuben wurde von einem Vertrauensmann – mit Ansehen im Dorf – angeführt. „Vor der Kirche“ verabschiedeten die Dorfbewohner die Reitergruppe. Der Ritt ging zum „Scheiwligen Brunnen“, ein etwa 4 km entfernter, nördlich vom Dorf gelegenen, waldbestandener Hattertteil. Hier klaubten die Buben das Wintergrün. Aus einem Teil banden sie kleine Sträußchen, mit denen sie das „Gehäuptsel“ vom Zaum schmückten. Das restliche Wintergrün wurde im „Táiser“ (Hängetasche, Tragetasche) verstaut und über die Schulter gehängt oder an den Sattel gebunden. Nach getaner Arbeit traten die Jungs den Rückweg an.

Schon Stunden vor ihrer Rückkehr ins Dorf versammelten sich die Schulkinder, besonders die Buben (Klasse 1 – 4), aber auch Erwachsene, „vor der Kirche“ und hielten Ausschau auf den „Riemelt“. Wenn die Reitergruppe auf dem Bergrücken erblickt wurde, stürmten die Kinder in Richtung Schenkerbrücke am Dorfende. Hier warteten die Traber, ließen sie vorbei reiten und rannten ihnen nach. Der Rundritt durchs Dorf ging aus der Schenkergasse ins Gesken und weiter durch die Neu-, Hinter- und Kreiwelgasse bis vors Rathaus in der Kirchengasse. Vor dem Pfarrhof – in der Kreiwelgasse – machten die Reiter ihren ersten „Halt“ und ließen den Pfarrer mit drei kräftigen „Vivat-Rufen“ hochleben.

Am Ende der Kreiwelgasse (H.-Nr. 157) hatten die Dorfbewohner indessen bereits eine Wegsperre errichtet. Diese bestand aus einem mit bunten Tüchern behangenen und über die Straße gespannten Aufhaltseil, mundartlich „Se-it“ genannt. Mit donnerndem Vivat! Vivat! Vivat! für die Wegversperrer erkauften sich die Reiter die Wegfreigabe und weiter gings vor die deutsche Schule, wo man den Rektor mit dreimal Vivat! begrüßte. Dasselbe geschah vor dem Predigerhof. Zu guter Letzt wurde vor dem Rathaus Halt gemacht. Hier ließen die Jungs den Notär (Kanzleischreiber) mit dreimal Vivat! hochleben. Dies galt als Huldigung der lokalen Staatsmacht. In früheren Zeiten wurden angeblich auch der Dokter (Arzt) und der Knechtvater mit Vivatrufen begrüßt.

Das Wintergrün kam in die Häuser der 4 „Leuchterhalter“ zur Aufbewahrung. (...)

Das Leuchterbinden

Der Arkeder Leuchter bestand aus einer etwa 1,25 Meter hohen bienenkorbförmigen, leichten Holzkonstruktion. Die „Leuchter“ wurden jährlich an die vier besten Schüler (männlichen Geschlechts) der höchsten Volksschulklasse neu vergeben. Die Festlegung der vier Leistungsträger lag im Ermessen des Schulrektors. Die vom Rektor ernannten „Leuchterhalter“ wählten sich ihre Sängergruppen aus den Reihen aller Schülerinnen und Schüler. Der Klassenprimus mit dem „Ersten Leuchter“ hatte das Erstwahlrecht, er wählte sich in seine Sängergruppe die beste Sängerin bzw. den besten Sänger der Schule; dann wählte der Bub mit dem „Zweiten Leuchter“ sich die nächstbeste bzw. den nächstbesten. Und so ging die Wahl weiter bis alle Schulkinder einer der vier Sängergruppen angehörten. (...)

Am vierten Adventsonntag versammelten sich die vier Gruppen zusammen mit ihren Eltern im Hause ihrer „Leuchterhalter“. Jedes Schulkind hatte die Pflicht eine lange Wachskerze und sieben Papiersterne mitzubringen. Die Wachskerzen wurden vorzeitig in Gruppenarbeit in gläserne Gußformen gegossen. Die Papiersterne aus buntem, glitzerndem Papier schnitten die Kinder – unter Anleitung und mit Hilfe der Eltern bzw. Großeltern – selbst und eigenhändig aus.

Das ganze Leuchtergerüst wurde dicht mit Wintergrün umwunden. Blatt für Blatt band man zigtausend Wintergrünblätter an das Holzgestell fest. An die 20 Schnittpunkte der fünf Leuchterrippen mit den vier Längshölzern zum Leuchterschaft befestigte man je eine Kerze. Die einundzwanzigste - an der Leuchterspitze angebrachte – Kerze diente als Leuchterkrone. Die gegrünten kreisförmigen Leuchterrippen aus Haselnussruten sowie die kreisförmig gebogenen Längshölzer wurden mit zig farbigen Papiersternen ausgeschmückt. Das natürliche Grün der „Wéntchergränen“ (Wintergrün) und die Farbenpracht der im Kerzenlicht funkelnden Papiersterne boten dem Betrachter einen zauberhaften Anblick.

Heilig Abend / Christnacht (24. Dezember)

Am 24. Dezember etwa 17.00 Uhr riefen die Weihnachtsglocken zum Kirchgang. Mit brennenden Kerzen gingen die Dorfbewohner, familienweise, in die Kirche. Vor dem Altar stand ein großer, schön geschmückter Christbaum. Darunter die Schulkinder. Anmerkung: Das Weihnachtsbaumholen war – wie bereits erwähnt – Aufgabe der Bruderschaft; das Ausschmücken jedoch Sache des Frauenausschusses, in der Regel Presbyterfrauen. An diesem Abend war es Brauch, dass einige Buben bzw. Mädchen unter dem Weihnachtsbaum Gedichte „aufsagten“. Die Buben verneigten sich, die Mädchen machten einen Knicks und trugen ihre auswendig gelernten Verse in schnellem Tempo und lauter heller Kinderstimme vor. Die ganze Gemeinde hörte wohlwollend, aber auch kritisch zu. Nach fehlerfreiem „Aufsagen“ waren Kinder, Eltern, Großeltern, Paten, Goden, Tanten und Onkel allesamt stolz, glücklich und zufrieden. Neben den üblichen Chorälen sangen die Kinder auch Weihnachtslieder unter dem, von Kerzen und Wunderkerzen hell erleuchteten Christbaum.
Nach der Weihnachtsgeschichte, der Festpredigt und dem Gebet des Pfarrers sang der Kirchenchor, die Schulkinder und die ganze Gemeinde – mit Orgelbegleitung – die Lieder: „O du fröhliche, o du selige ...“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“. Mit diesen Liedern erreichte der Festgottesdienst seinen Höhepunkt. Anschließend erfolgte die Kinderbescherung unter dem Weihnachtsbaum. Jedes Kind bekam eine Tüte (mundartlich „Tock“) mit weihnachtlichen Leckerbissen. Darin: ein Apfel, ein paar Nüsse, Teegebäck (Plätzchen), Bonbons u.a.m. Für Inhalt, Fertigstellung und Aushändigung der Tüten war der Frauenausschuss zuständig. Für die Schulkinder gab es meistens noch ein oder zwei Hefte, einen Bleistift, einen Griffel und einen Radiergummi. In neuerer Zeit auch ein Taschentuch für Mädchen und ein Taschenmesser für Buben.

Die häusliche Weihnachtsfeier in der Familie bestand in erster Reihe aus der Weihnachtsbescherung der Kinder. Es hieß: „Der Chrèstmoun küt“ (der Christmann kommt), d.h. der Weihnachtsmann kam an die Tür, öffnete sie und warf Äpfel, Nüsse, Teegebäck. Bonbons, eine Wunderkerze und oftmals auch eine Rute ins Zimmer. Der Christmann präsentierte sich zumeist in der Person des Großvaters, der, furchterregend verkleidet, mit Schellen läutend, mit verstellter tiefer Stimme die Kinder fragte, ob sie brav gewesen und brav sein wollen und so weiter und so fort.

Nur wenige Kinder erhielten als Weihnachtsgeschenk einen Rodel oder Schlittschuhe. Nur in wenigen Häusern gab es einen Weihnachtsbaum. Nur in Einzelfällen gab es als Geschenk aus dem Handel gekauftes Spielzeug, wie: Puppe, Hampelmann, Maus mit Feder, Bausteine, Marokko-Stäbchen, Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiele, Laubsäge, Pistole u.ä.

Die häusliche Weihnachtsbescherung fiel in der Regel wegen Bargeldmangel bescheiden aus.
Nach der häuslichen Feier in der Familie – etwa um 19.00 Uhr – gingen Buben und Mädchen, Knechte und Mägde schulklassenweise in die „Christnacht“, d.h. Christnacht feiern. Die Getränke (bei den Buben in der Regel 0,5 l Wein pro Kopf) nahm jeder von zu Hause mit, oder sie wurden aus dem Handel besorgt. Gefeiert wurde bis etwa 21.00 Uhr, fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt, im Hause eines / einer Jugendlichen. Anschließend gingen die Jungs zu den Mädchen „ansingen“ und feierten dort gemeinsam weiter. Dasselbe galt auch für Knechte und Mägde. Junge Ehepaare feierten „Christnacht“ in kleinen Gruppen von Freunden. Die alten Menschen feierten zu Hause und hüteten die kleinen Kinder. Um 22.00 Uhr versammelten sich viele Dorfbewohner, Jugendliche und Erwachsene, vor dem Portal der Kirchenburg, auf dem so genannten Parjere-in. Eine Stunde lang – zwischen 22 und 23 Uhr – läuteten die Weihnachtsglocken. Um 22 Uhr begann das „Weihnachtsblasen“ der Adjuvanten auf dem Parjere-in. Mit Marschmusik ging die „ganze“ Gemeinde anschließend auf den Pfarrhof. Im geöffneten Fenster stand, neben einem schmucken Weihnachtsbaum, der Pfarrer und die „Fra Motter“. Sie wurden mit Musik und Gesang begrüßt. Die Begrüßungsansprache hielt der Rektor. Nach dem Dank des Pfarrers ging es mit Musik zurück „vor die Kirche“. Dort wurde weiter geblasen und gesungen. Die Adjuvanten (die Mitglieder der Blasmusikkapelle) feierten anschließend im so genannten „Sprechzimmer“, Bezeichnung für den Übungsraum der Adjuvanten. Die Christnacht endete für manchen Jugendlichen, aber auch für Erwachsene, feucht-fröhlich.

Erster Weihnachtstag (25. Dezember)

Am ersten Weihnachtstag in der Früh um 6 Uhr fand in Arkeden - nach althergebrachtem Brauch - der "Weihnachtsleuchter-Frühgottesdienst" statt. Die ganze Gemeinde ging, gruppiert um die vier "brennenden" Leuchter durch die Dunkelheit zur Frühkirche. Der erste Leuchter hatte seinen Platz vor dem Altar, der zweite auf der Orgelempore, der dritte und vierte (von der Orgel aus gesehen) im rechten bzw. linken oberen Gestühl. Jede Sängergruppe der vier Leuchter sang mit Orgelbegleitung hintereinander, je eine Strophe vom Choral: "Lobt Gott ihr Christen,freuet euch ...". Zum Vergleich: Die Siebenbürgische Dorfchristmette. Das Arkeder "Leuchter-Singen" geht auf das "Quempas-Singen" der Schuljugend aus Nordsiebenbürgen zurück. Zitat von Maria Schmidt: "Es handelt sich hier um eine Zusammensetzung von Liedern, die von vier Schülergruppen im zeilenweisen Wechsel gesungen wurden. Die Gemeinde war beim Kehrreim mitbeteiligt. ... Zum Quempas-Singen gehörten auch die sogenannten Lichtertcher (Einzahl: Lichtertchi), eine Art Weihnachtspyramide" (SZ vom 15.12.88).

Der Arkeder Weihnachts-Frühgottesdienst mit Leuchter war vergleichbar mit der Siebenbürgischen Dorf-Christmette mit Lichterchi in anderen Orten.

Am ersten Weihnachtstag besuchten sich die nahen Verwandten gegenseitig. Am zweiten und/oder dritten Weihnachtstag fand in der Regel ein Ball statt. Besondere Bräuche sind mir an diesen Tagen nicht bekannt.

Gekürzter Auszug aus: Binder, Georg: Arkeden, München 1995, S. 341 – 346
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung seiner Witwe Katharina Binder.